Horst Gunkel, Band 4 der Metta-Sangha-Saga: Nilay - der Sohn Jesu - Kapitel 10                                              letztmals bearbeitet am 02.03.2026
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10 - Nilay trifft den Apostel in Palayur1



Die weitere Reise nach Kerala dauerte gut drei Monate und folgte der Küste des indischen Ozeans. In Kerala selbst war Thomas relativ bekannt, ungefähr so bekannt wie die Mettā-Sangha in Gandhara und Kaschmir, sodass Nilay inzwischen konkrete Hinweise auf den Apostel hatte. Der hatte dort wohl bislang in zwei Orten Kirchen erbaut, er selbst solle sich in Palayūr aufhalten. In dieser Stadt solle es, ebenso wie an verschiedenen anderen Stellen Keralas, jüdische Gemeinden geben, die offenbar als Schlüssel für Thomas´ Missionstätigkeit dienten. Die Küste war über den Seeweg mit anderen Ländern verbunden, sodass es dort chinesische, phönizische, römische und arabische Einflüsse gab. Aber die absolut tonangebende Religion war natürlich der Brahmanismus.

Ach, den Thomas, der wohnt bei den anderen Juden, dort auf dem Judenhügel, gehe einfach dorthin, du erkennst das Haus an einem großen schwarzen Kreuz auf jeder Seite.“

Nilay bedankte sich für die Auskunft. Auf dem Judenhügel waren etwa vierzig Häuser, teilweise Hütten, so wie die, in der er die Regenzeit verbrachte, aber auch etwa ein Dutzend großer Häuser. Also ging Nilay zum Judenhügel. Als er näher kam, sah er, dass vier der Häuser richtig groß waren, etwa so wie das Gasthaus der Mettā-Sangha, also das frühere Herrenhaus. Daneben stand ein weiteres großes Gebäude, das an eine große Scheune erinnerte, es war weiß und darauf war ein großes schwarzes Kreuz, der untere Balken war etwa doppelt so lang wie die übrigen.

Nilay stand lange da und betrachtete das merkwürdige Gebäude. Ein Kreuz? Sollte das etwa das Instrument darstellen, an welches die Römer seinen Vater gehängt hatten, um ihn vom Leben in den Tod zu befördern? Aber warum um alles in der Welt hatten sie hier kein positives Symbol, sondern ein Hinrichtungs­instrument als Erkennungszeichen?

An das großen Gebäude angehängt war ein kleineres, ein Häuschen mit schätzungsweise zwei oder drei Zimmern, vermutlich wohnte dort der Apostel. Nilay ging zur Tür des großen Gebäudes; sie war unverschlossen, also ging er hinein. Er sah einen großen Raum, vielleicht sieben mal zehn Doppelschritt groß. An der Seite lag ein Stapel mit Matten, vermutlich um darauf zu sitzen, wenn man die Matten im Raum verteilt hatte, ähnlich den Matten mit Meditationskissen in buddhistischen Klöstern. Auf einer der Schmalseiten war an der Wand wieder ein Kreuz, ähnlich wie das draußen, aber nicht gemalt, sondern aus Holz. Davor stand ein Tisch, darauf befanden sich ein großer Teller, ein Messer und ein Kelch. Neben dem Tisch lag ein großer Quader, etwa zwei Fuß hoch, zwei Fuß breit und vier Fuß lang. Direkt daneben ein kleinerer Quader, etwa 1x1x2 Fuß. Wozu diese wohl dienen mochten?

Nilay stieg erst auf den kleinen, dann auf den großen Quader. Jetzt hatte er einen guten Überblick. Er verstand: wenn sich hier sehr viele Menschen versammelten und diese standen und nicht saßen, konnte hier ein Redner stehen und wurde von den Zuhörern ebenso gesehen wie auch gehört; die beiden Quader waren so etwas wie eine improvisierte Ein-Mann-Bühne.

In diesem Moment öffnete sich eine Tür, aber nicht jene, durch die Nilay gekommen war, sondern eine, die wohl ins Wohnhaus führte.



Der Mann, der hereinkam war etwa 50 Jahre alt; er schien wenig erfreut darüber, wo Nilay stand: „Komm´ da runter junger Mann, das ist kein Spielzeug!“

Nilay blieb erst einmal da, wo er war. Er schwieg einen Moment, dann sprach er den Älteren an: „Shalom, ich grüße Euch Thomas von Galiäa. Ich komme aus einer Gemeinde im Kaschmirtal, am Fuße des Himalaya und entbiete Euch die Grüße einer ehemals jüdischen Gegend in Kaschmir, die jetzt dem Wort des Jesus von Nazareth folgt.“

Damit hatte er sich als Vertreter einer anderen, gleich­berechtigten Gemeinde ausgegeben. Thomas schien zunächst einmal perplex, denn davon hatte er noch nichts gehört; aber das war eindeutig in Bhārat Gaṇarājya, also der Weltgegend, die Jesus ihm zugewiesen hatte. Nunmehr stieg Nilay langsam und würdig die zwei Stufen herunter, er unterstrich, indem er von oben auf ihn zukam, dass er, Nilay, eigentlich der höhere von beiden sei.

Thomas war konsterniert: „Ihr seid ein junger Mann, was gibt Euch das Anrecht für einen solchen Auftritt?“

Ihr habt recht, Thomas, ich bin ein junger Mann, aber der Sohn sehr bedeutender Eltern!“ Indem er das sagte, gewann Nilay Zeit zu überlegen, als wen er sich vorstellen solle. Sein Vater hatte ihm eingeschärft, dass Thomas nicht wissen dürfe, dass er, Jesus von Nazareth, lebt. Und auch dass seine Mutter zuvor eine buddhistische Nonne war und noch immer den Dharma lehrte, sollte er wohl besser nicht erwähnen.

Mein Vater ist aus Galiläa, er hat mich ausdrücklich darum gebeten, seine Identität nicht preiszugeben, weil er Euch wohlbekannt ist. Aber ich habe selbstverständlich auch eine Mutter. Wisst Ihr, es gibt bei uns nur eine Frau, die noch einen hebräischen Namen trägt. Diese Frau in unserem Hause ist Maria, ich bin hebräischer Abstammung, auch wenn man mir das kaum ansieht, ich bin schließlich in Bhārat Gaṇarājya aufgewachsen.“ Damit hatte er den Anschein erweckt, seine Mutter sei diese Maria, was er allerdings nicht gesagt hatte, denn Maria war ja seine Schwester. Nilay versuchte also Thomas auf eine falsche Fährte zu locken, um die wahre Identität seiner Eltern nicht preisgeben zu müssen.

Kommt Ihr in offizieller Mission?“ fragte jetzt der Apostel.

Das ist etwas heikel. Uns ist zu Ohren gekommen, dass Ihr die Lehre des Jesus von Nazareth anders darlegt, Thomas, als wir. Auch die Berichte über das Leben Jesu differieren. Ich bin beauftragt, darüber Näheres zu eruieren und zunächst unserem Gemeinderat davon zu berichten. Ich selbst habe keine darüber hinausgehende Handlungsvollmacht.“

Thomas schien verlegen: „Also dann müssten wir erst einmal unseren Informationsstand gegenseitig abklären, um festzu­stellen, ob die Unterschiede wirklich gravierend sind, oder ob es nur um unbedeutende Details geht. Steht Euer Vater eigentlich noch in Verbindung mit unseren Niederlassungen in Rom, Griechenland, Ägypten und Palästina?“

Aha, dachte Nilay, er will herausbekommen, ob nicht er selbst die besseren Verbindungen zu den anderen Aposteln habe und damit zum Mainstream dessen, was die Apostel als die Lehre Jesu verkauften. Diese Verbindung würde Thomas vermutlich auf dem Seeweg aufrecht erhalten, man war schließlich hier direkt am indischem Ozean, daher sagte er: „Unsere Verbindungen sind, anders als Eure, nämlich auf dem Landweg, wir nutzen die zentrale Verbindung über die Seidenstraße von Taxila nach Antioch und dann weiter nach Jerusalem, Alexandria, Athen, Korinth und Rom. Ein international tätiger Großkaufmann, für den mehrere Karawanen unterwegs sind, transportiert Botschaften und bei Bedarf auch Botschafter.“

Wie viel Zeit habt Ihr, wann wollt Ihr wieder abreisen?“

Man hat mir freie Hand gegeben, Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit. Gibt es hier im Ort ein Gasthaus, wo ich mich einmieten kann?“ Das fragte Nilay, um zu zeigen, dass weder Zeit noch Geld eine Rolle spielen würde, er hatte ja selbst gesehen, wie klein der Ort ist und er wartete dort selbstverständlich keine Pension.

Nein, das leider nicht. Ich könnte bei einer Kaufmannsfamilie nachfragen, ob sie Euch ein Zimmer vermieten, Ihr könntet natürlich auch hier übernachten, das machen auch immer mal unsere Anhänger von außerhalb. Hinter den Haus ist auch ein Wasserbrunnen. Also wenn Euch das zumutbar erscheint...“

Wunderbar, Thomas, unser Herr hatte häufig einfachere Unterkünfte als das. Das ist doch viel besser als zum Beispiel auf dem Ölberg in Jerusalem zu übernachten, nicht?“

Thomas wusste natürlich, worauf Nilay anspielte, hatte doch Jesus – abgesehen von den letzten Tagen, in denen er zur Fahndung ausgeschrieben war – in Jerusalem immer unter den Olivenbäumen des Ölbergs genächtigt. Nilay zeigte damit intime Kenntnisse über die Gepflogenheiten Jesu in Palästina.

Ach, wie war noch einmal Euer Name?“

Pardon, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt, mein Name ist Nilay. Nilay von der Agápē-Koinótita.” Auswärtige stellten sich damals immer mit ihrem Rufnamen und einer Herkunfts­bezeichnung vor. Mettā-Sangha wollte er nicht sagen, da eine Gegenbesuch von Thomas oder einem seiner Abgesandten vermieden werden musste, daher hatte Nilay den Namen seiner Gemeinschaft einfach ins Griechische übersetzt, außerdem bestätigte das scheinbar, wie eng die Verbindungen seiner Gemeinschaft zu Griechenland waren.

Gut Nilay, ich schlage vor, Ihr esst mit uns zu Abend und frühstückt mit uns. Ich zeige Euch jetzt noch den Brunnen und unser Örtchen. Meist habe ich vormittags Zeit, da können wir uns unterhalten, nachmittags sind gewöhnlich Termine, da könnt Ihr Euch ja im Ort oder in der Umgebung umsehen, auch das Meer lädt zum Baden ein. Also dann so in einer Stunde beim Abendessen, ich lasse Euch dann rufen.”

Nilay verbeugte sich zum Zeichen, dass er mit dem Vorschlag einverstanden sei, dann legte er sich zwei Matten bereit und setzte sich darauf nieder, das würde sein Nachtlager sein. Er testete es und es fühlte sich gut an. Er war mit dem Verlauf des Gesprächs sehr zufrieden. Er kam nicht als Bittsteller, sondern verhandelte mit dem Apostel Thomas auf Augenhöhe – und das war schließlich auch das, was man vom Sohn des Jesus von Nazareth erwarten konnte!

Etwa eine Stunde später erschien eine Frau, eine ausgesprochen attraktive Frau, in der Tür zum Wohnhaus: Das Essen steht auf dem Tisch!”

Nilay stand auf, verbeugte sich höflich und stellte sich vor: Guten Tag, mein Name ist Nilay von der Agápē-Koinótita ganz im Norden von Bhārat Gaṇarājya.”

Auch die Frau fühlte sich nun dazu verpflichtet, sich vorzu­stellen: Mein Name ist Lakmi, ich bin ... also ... ich bin eine Unterstützerin von Thomas.”

Ihrem Auftreten, ihrem Aussehen und der Unsicherheit ihrer Ausdrucksweise bei der Erklärung ihrer Funktion entnahm Nilay, dass sie wohl mehr war, als nur eine Unterstützerin des Apostels. Er lächelte sie an: Wie schön für Thomas, eine solche Unterstützerin, bei sich zu haben, und dann noch die Glücksgöttin persönlich.”2

Lakmi errötete. Dieser Name ist inzwischen mehr eine Bürde, es gibt schließlich keine Götter außer Gott! Meine Eltern aber waren – nein: sind noch immer – Hindus.”

Nilay wollte ihr aus der Verlegenheit heraushelfen: Aber man muss diesen Namen doch nicht als Bürde betrachten, meine Gute. Lakmi kann ja auch `die Glückverheißende´ bedeuten, und dann kann sich Thomas doppelt glücklich schätzen, eine solche Frau an seiner Seite zu wissen.”

Abermals errötete sie, denn mit dem Terminus `an seiner Seite´ hatte Nilay ziemlich deutlich ausgedrückt, dass ihm klar war, das sie mehr war als nur eine Unterstützerin.

Lakmi wusste jetzt, dass Nilay nicht nur ein ausgesprochen gut aussehender junger Mann war, sondern auch eine rasche Auffassungsgabe hatte, ebenso wie die Fähigkeit die richtigen Schlüsse zu ziehen. Sie nahmen alsdann in der Stube Platz, die recht geräumig war und die Hälfte des Hauses ausmachte, vorne war eine Tür und ein Fenster zur Straße, hinten eine Tür und ein Fenster zum Gemüsegarten; an einer Wand befand sich natürlich die Tür zum Versammlungsraum, durch die sie gerade gegangen waren, und an der gegenüberliegenden Wand zwei Türen in Nebenräume. Nilay nahm an, dass nur eine davon in ein Schlafzimmer führte. Der große Raum, in dem sie sich befanden, war der Koch-, Ess und Aufenthaltsbereich. Thomas hatte schon am Esstisch Platz genommen: Setz Euch doch Nilay.”

Lakmi stellte das Essen auf den Tisch: Reis, Gemüse und Fisch, auch frisches Obst stand bereit, dann nahm auch sie Platz.

Thomas glaubte rechtfertigen zu müssen, dass Lakmi mit am Tisch sitzt: Dass Lakmi bei uns sitzt, stört Euch hoffentlich nicht, sie ist das so gewohnt, denn mir erschiene es unsinnig, wenn wir allein sind, hier zu essen und ihr den Katzentisch zuzuweisen.”

Die Frau schien nicht glücklich darüber, dass sie Thomas in Anwesenheit von Dritten wie eine Dienstbotin behandelte.

Nilay, der das selbstverständlich bemerkt hatte, erwiderte: Aber das ist doch sehr freundlich von Euch, hat nicht auch Jesus selbst Frauen genauso in seiner Umgebung gehabt wie Männer? Auch in der Agápē-Koinótita speisen wir alle gemeinsam, das ganze Dorf, im Dorfgasthof.”

Während des ersten Teils seines Satzes, der sich mit der Stellung der Frau befasste, hatte Nilay, fast wie ein Beschützer, seine Hand leicht auf die von Lakmi gelegt. Sie hatte ihre nicht zurückgezogen, was widerum Thomas gar nicht gefiel, aber er auch nicht monieren konnte, denn wenn er wollte, dass sie nur als seine Unterstützerin wahrgenommen wird, Nilay sie aber gewissermaßen vor Herabsetzungen in Schutz nimmt – und sei es auch durch eine Berührung an der Hand – so gab es daran nichts zu bemängeln. Thomas hatte sich durch seine unkorrekte Beschreibung ihrer Rolle in eine Situation gebracht, die ihm zusehens zur Bürde wurde.

Inzwischen hatte Nilay die Hand der Frau natürlich längst wieder losgelassen, und Lakmi selbst zeigte nun, dass sie mehr war als nur eine Randfigur, indem sie ins Gespräch eingriff: Ihr speist alle in Dorfgasthof, können sich das denn die Leute leisten, das ist doch sicher teuer.”

Nilay sendete ihr ein offenes Lächeln zu: Aber nein, liebe Frau. Jesus von Nazareth verkündete das kommende himmlische Reich auf Erden. Und unser Anführer, mein Vater, dessen Namen ich nicht nennen darf, unternimmt es zusammen mit seiner Lebensgefährtin, genau das umzusetzen: ein himmlisches Reich auf Erden. Bei uns gibt es kein Geld, denn wie sagte Jesus von Nazareth so richtig: `Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon´3, folglich haben wir das Geld abgeschafft. Jeder arbeitet gemäß seinen Fähigkeiten und jeder erhält das, dessen er bedarf.”

Und gilt das etwa auch für Frauen?”, wollte Lakmi wissen.

Selbstverständlich, Frauen und Männer sind völlig gleich­berechtigt. Daher führen ja auch er, der Mann aus Galiläa, dessen Namen ich nicht nennen darf, und seine kongeniale Partnerin unsere Gemeinde gemeinsam.”

Einfach himmlisch!” bewunderte Lakmi das und wandte sich an ihren Mann: Du, Thomas, können wir das hier nicht genau so machen.”

Thomas war entsetzt, konnte sich das aber nicht anmerken lassen. Schon allein, dass Lakmi ihren Satz mit dem vertraulichen du” begonnen hat, was einer Untergebenen nicht zustehen würde! Und dann hatte sie noch gesagt wir” als ob es nicht allein seine Sache wäre, was in seiner Gemeinde geschieht. Er antwortete aber: Nein, Lakmi, das geht doch nicht. Unsere Unterstützer sind Kaufleute, wir haben unsere Basis hier bei den Juden. Geld ist da das A und O!”

Sie sah ihn an: Stimmt es, was Nilay berichtet hat, das Jesus sagte `Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon´?”

Ja, sicher, das hat er irgendwann einmal gesagt! Aber das heißt doch nicht gleich, dass man das Geld gleich ganz abschaffen kann, alle Welt bezahlt mit Geld!”

Lakmi sah hilfesuchend zu Nilay, der erklärte: Es ist richtig, dass alle Welt mit Geld zahlt. Aber wir von der Agápē-Koinótita wollen dem Weltlichen gerade das Göttliche, das Himmlische, gegenüber stellen. Wir betreiben natürlich auch Handel mit der Außenwelt, die wickelt unser Geschäftsführer ab und dabei benötigen wir natürlich Geld. Innerhalb unserer Gemeinschaft aber gibt es kein Geld. Und auch Raj, unser Geschäftsführer, übrigens der Sohn eines Juden, hat auch keinen persönlichen Zugriff auf das Geld. Alle Einnahmen und Ausgaben werden von unserer Buchführerin sorgfältig notiert, das Ganze wird vom Rat der Gemeinde kontrolliert. Diesem Rat gehören natürlich auch mein Vater und dessen kongeniale Partnerin an. In meinen Augen ist das die Zukunft, das ist eine Blaupause zur Verwirklichung des Himmelreiches auf Erden. Das ist Arbeit im Sinne Jesu Christi.”

Aber das kann ich den Juden, unter denen ich derzeit vor allem missioniere, nicht zumuten!”

Dann solltest Ihr Euch überlegen, ob das wirkliche die richtige Zielgruppe ist.”

Ohne die jüdischen Unterstützer könnte das alles nicht gelingen, was meinst du denn, wer den Sammlungsraum hier finanziert hat? Und das Haus? Und unser Essen!”

Das habe ich im Garten angebaut!” protestierte Lakmi.

Aber den Fisch nicht! - Übrigens, Nilay, Ihr habt ja gar nichts vom Fisch genommen, vertragt Ihr keinen Fisch?”

Ah ja, der Fisch ist also ein Beispiel, warum Ihr Unterstützung von den Juden braucht, und ich nicht! Aber das ist nicht der Grund, warum ich keinen Fisch esse. Die Tiere sind unsere älteren Geschwister, sie waren in der Schöpfung vor uns da. Sie leiden genauso wie wir. Und wenn ich die Tiere als meine älteren Brüder und Schwestern ansehe, was folgt dann aus dem Wort Jesu Christi: `Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.´4 Meine Brüder würde ich doch niemals verspeisen!”

Aber es gab Fälle, da hat selbst Jesus Fisch gegessen!” wandte jetzt Thomas ziemlich heftig ein.

Nilay lächelte: Das eben ist der Unterschied zwischen Dogmatismus und Mitgefühl. Ich esse aus Mitgefühl keinen Fisch. Denn wenn ich einen Fisch essen würde, müsste ich ihn erst fangen und töten. Das tue ich aus Mitgefühl nicht. Oder ich müsste den gefangenen Fisch von einem Fischer kaufen, dann würde ich ihn für das Fangen und Töten bezahlen, so wie einen Auftragsmörder, auch das tue ich nicht. Dennoch habe ich in meinem Leben genau einmal Fisch gegessen. Ich wollte damals, während meiner Wanderung hierher, es war im Punjab, mit der Fähre, also mit dem Boot eines Fischers, über einen Fluss setzen, das war aber erst am nächsten Tag möglich. Ich habe bei der Fischerfamilie übernachtet und ihnen am Abend Geschichten von Jesus erzählt. Da haben sie mich dankbar zum Essen eingeladen, sie haben ihr Essen mit mir geteilt. Dafür wurde erstens keine zusätzliche Nachfrage nach Fisch geschaffen. Außerdem: wenn ich mich geweigert hätte von ihrem Fisch zu essen, so wäre es ein Affont gewesen. Und das hätte wiederum auf ihre Haltung nicht nur zu mir, sondern auch zu Jesus, von dem ich ihnen erzählte, abgezielt. Handlungen haben folgen, daher bedenke ich immer die möglichen Folgen meines Handelns. Das weiß ich von meinen Eltern, dem kongenialen Paar. Und gleiches hat übrigens auch der Buddha gesagt. Da fällt mir noch ein: wir von unserer Gemeinschaft, wir haben nicht auf die jüdischen Bevölkerungs­teile gesetzt, sondern versuchen die Inder auch mit Beispielen aus ihrem Kulturkreis zu überzeugen, und da wird man beim Buddha eigentlich immer fündig.”

Ich habe aber nicht vor, die Lehre Buddhas zu verbreiten!” Thomas wurde allmählich etwas lauter.

Wenn ich einem Inder die Lehre Jesu weitergeben möchte und der skeptisch ist, so etwas Fremdes aus einer fremden Kultur zu übernehmen, ich ihn aber gewinnen kann, wenn ich darauf hinweise, dass das auch schon vom Inder Gautama Buddha genauso gelehrt wurde, dann mache ich das. - Thomas, ich will jetzt gar keine Zustimmung von dir. Aber du solltest einmal in Ruhe darüber nachdenken.” Nilay war bewusst, dass er eben ins vertrauliche „du“ gewechselt hatte, er wollte gewissermaßen die Meinungsdifferenz dadurch relativieren, dass es wie der Rat eines guten Freundes klang.

Thomas war etwas missmutig. Er war gewohnt, von vielen als jemand abgetan zu werden, der merkwürdiges ausländisches Zeug verkündet. Und er war es ebenso gewohnt, auf Anhänger zu treffen, die an seinen Lippen hingen, als verkünde er das authentische Wort Gottes. Aber was er nicht gewohnt war, war inhaltlich kritisiert zu werden! Und dann noch in einer Weise, dass er dem nichts entgegensetzen konnte. So etwas war ihm noch nie untergekommen! Dachte er zunächst. Doch dann fiel ihm ein, dass es einen gab, der ihn mehrfach in dieser Weise zurechtgewiesen hatte. Vor langer Zeit. Es war Jesus von Nazareth.

Thomas entschuldigte sich, er sei jetzt müde. Höflich zog sich Nilay zurück. Lakmi nahm sich vor, das Thema an diesem Abend nicht mehr bei ihrem Lebensgefährten anzusprechen. Sie verehrte Thomas, war so etwas wie seine Jüngerin geworden. Und mehr als das. Aber heute war da einer, der ihrem Thomas überlegen war. Ihr war, als sei ihr Jesus von Nazareth persönlich erschienen.



Nilay hatte sich danach in den Kirchenraum zum Schlafen zurückgezogen und er wachte am nächsten Morgen zeitig und gut ausgeruht. Wie das so seine Art war, setzte er sich nach der Morgentoilette auf ein Kissen, diesmal hier in der Kirche, und meditierte.

Nach etwa einer Stunde hörte er das Geräusch der Tür und die leisen Schritte einer rücksichtsvoll gehenden Frau. Nilay beendete seine Meditation, indem er sich sich in die Richtung, in der das Kreuz stand verbeugte, dann blickte er Lakṣmī an: „Guten Morgen!“

Guten Morgen, Nilay. Was hast du da eben gemacht? Betest du so?“

Man kann es ein Gebet nennen, oder auch eine Meditation. Ich versenke mich tief und komme dadurch in Kontakt mit dem Göttlichen. Es ist eine Art nonverbale Kommunikation. Das gibt mir die Kraft, im Einklang mit dem Göttlichen zu handeln.“

Thomas war inzwischen auch eingetreten und sah Nilay etwas befremdet an: „Komm jetzt zum Frühstück, Nilay.“ Und noch auf dem Weg zum Frühstückstisch fragte er nach: „Betest du nie mit Worten? Ist das bei euch nicht üblich? Jesus hat uns schließlich das Beten mir Worten gelehrt!“

Nilay hatte inzwischen, wie auch die beiden anderen, am Frühstückstisch Platz genommen, als er antwortete: „Natürlich beten wir, wenn wir gemeinsam im Tempel beten, mit Worten. Und natürlich lehren wir auch das Beten mit Worten. Aber die meditative Vertiefung ermöglicht eine sehr viel unmittelbarere Kommunikation mit dem Transzendenten. Wir hältst du es denn, wenn du betest, Thomas, sprichst du das Göttliche mit Worten an?“

Ja, sicher! Aber wir sagen auch nicht `das Göttliche´ sondern: Gott! So wie das auch unser Herr Jesus tat. Manchmal nennen wir ihn auch mit seinem Namen JHWH.“

Das tun wir nie, Thomas. Den Namen JHWH verwendet wir nie. Denn das ist der Name Gottes im Tenach, und das ist immerhin eine Geschichtensammlung um einen äußerst grausames Gottesbild, das die Juden früher von ihrem Gott hatten. Der Gott Jesu sollte davon nicht belastet werden, daher verwendet wir diesen Namen nicht. Mein Vater verwendet lieber den Ausdruck Abba, oder `Vater unser´, ich meine das tat Jesus auch bereits in Palästina, erinnerst di dich Thomas?“

Ja, das ist richtig, und vielleicht sollten wir den Namen JHWH wirklich nicht mehr verwenden.“

Wir stellen die Verbindung zum Göttlichen manchmal so da, dass wir uns eine Mittlerfigur zwischen uns und dem Göttlichen vorstellen, eine Art Schutzengel, eine Figur, die die rechte Hand zum römischen Friedensgruß erhoben hat, das ist für uns das Zeichen der Furchtlosigkeit, es ist die göttliche Botschaft: `Fürchtet euch nicht!´“

Im weiteren Verlauf des Frühstücks unterhielten sich Thomas, Lakṣmī und Nilay über verschiedene belanglose Dinge. Schließlich sprach Lakṣmī, die damit die Wichtigkeit ihres Lebensgefährten auch unter den Aposteln unterstreichen wollte: „Ich finde es ist schon ein besonderer Vertrauens­beweis, dass er gerade Thomas beauftragt hat, die gute Lehre nach Indien zu bringen.“

Nilay sah sie eindringlich an: „Ja, erstaunlich, es liegt nicht im Bereich des Römischen Reiches, sondern so viel weiter weg, wie glaubt ihr denn, Lakṣmī, dass er ausgerechnet auf Bhārat Gaṇarājya als Missionsziel kam und nicht auf die vielen Länder, die zwischen hier und Palästina liegen, Apostel gesendet hat.“

Sie nickte: „Jesus lag besonders viel an diesem Land, er hat es besonders geschätzt...“

An dieser Stelle unterbrach Thomas seine Lebensgefährtin barsch: „Schweig, Weib, es ist besser, du räumst jetzt das Geschirr ab, als wirres Zeug zu reden!“ Die Gemaßregelte stand wortlos auf und tat wie ihr geheißen.

Nilay fixierte den Apostel: „Aber Thomas, warum denn so barsch. Du denkst, sie hat sich verplappert, aber schließlich weiß sie es doch von dir und jeder hier im Raum weiß es: Jesus war als junger Mann in Bhārat Gaṇarājya, das ist der Grund, warum ihm dieses Land so am Herzen lag, und er weiß auch, dass hier viele spirituell geschulte Menschen sind. Menschen die im Zweifelsfall empfänglicher für seine Lehre sind als aus­gerechnet die Juden, die Ihr Euch als Zielgruppe ausgesucht habt!“

Ich will ja nur über die Juden hier den Einstieg schaffen, und finanzkräftige Unterstützer haben. Aber woher weißt du, Nilay, auch dass er als junger Mann hier war, das war doch selbst in Apostelkreisen unbekannt?“

Dachtest du, Maria hätte uns das nicht erzählt?“

Ach so, natürlich, ich vergaß, du bist ja der Sohn von dieser Maria... Aber bitte, verrate es niemandem hier. Jesus selbst hat mich beauftragt, es nicht weiterzusagen.“

Nilay versprach es. Ihm war jetzt klar, warum Jesus Thomas in den Süden dieses großen Landes geschickt hatte. Er sollte dort die Lehre so verkünden, wie das Jesus in Palästina getan hatte. Auf diese Weise gab es eine doppelte Chance, dass sich seine Lehre in diesem Teil der Welt durchsetzte, entweder in der Variante des jungen Jesus und seines Apostels Thomas. Oder aber in der Variante des gereiften Jesus und des heiligen Paares.

Bald nach dem Frühstück verabschiedete sich Thomas, er müsse in das Nachbardorf und würde erst am späten Abend wieder­kommen, möglicherweise würde er sogar dort übernachten.

Dann werde ich mich etwas im Dorf umsehen!“ erklärte Nilay.

Vielleicht kannst du mir auch im Garten helfen? Ich muss einen Strauch umsetzen? Er verdunkelt uns sonst das eine Fenster“, wagte sich Lakṣmī zu fragen.

Das ist eine gute Idee!“ pflichtete Thomas bei, den sie schon zweimal darum gebeten hatte, der aber immer gerade etwas Wichtigeres zu erledigen hatte.

Als sie mit dem Strauch fertig waren erbot sich Lakṣmī: „Danke für deine Hilfe, wenn du magst kann ich dir das Dorf zeigen und den Strand, ich muss sowieso noch runter Fisch kaufen – für Thomas, der will das so.“

Also gingen sie ins Dorf, wo Lakṣmī ihren Besucher einigen Bekannten vorstellte: „Das ist Nilay, er kommt von einer weit entfernten christlichen Gemeinde.“

Anschließend schlug sie vor: „Wir könnten noch etwas am Meer spazieren gehen und anschließend gehe ich zum Fischer, und besorge das, was Thomas will.“

Auf dem Weg dorthin erkundigte sich Nilay: „Gibt es hier eigentlich auch irgendwo Klöster?“

Nein, die gibt es nur dort, wo mehr Buddhisten oder Jains leben. Hier kommt vielleicht alle paar Monate oder auch nur einmal im Jahr ein Mönch her, und bettelt. Letztes Jahr habe ich einem buddhistischen Mönch einen Teil unseres Mahls abgegeben. Aber warum fragst du?“

Ich finde die Lebensweise interessant, ich könnte mir vorstellen, Mönch zu werden?“

Sie sah ihn entsetzt an: „Du? Willst du denn Buddhist werden oder Jain?“

Ich finde die Tatsache, sich ganz dem spirituellen Leben zu verschreiben sehr ansprechend. Warum soll es denn nicht eines Tages auch Klöster geben, die das Wort Jesu Christi verkünden?“

Aber dann müsstest du im Zölibat leben, könntest keine Familie gründen, das wäre doch ein sehr großes Opfer?“ Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, was einen jungen Mann an einem Klosterleben reizen könnte. Dann ergänzte sie: „Ich denke, Thomas würde das auch absurd finden!“

Er sah sie an: „Dazu liebt er viel zu sehr seine wunderbare Lebensgefährtin!“ Sie errötete.

Inzwischen waren sie am Strand abgekommen. „Ich werde ein Bad nehmen!“ verkündete Nilay. „Ich warte hier auf dich,“ entgegnete sie. Er aber lief ein Stück weiter, entkleidete sich und sprang voller Lebenslust ins Wasser.

Lakṣmī hatte sich abgewendet, als Nilay Anstalten machte, sich zu entkleiden. Als er aufs Wasser zulief, hatte sie ihm dennoch nachgeblickt und den Kopf geschüttelt: „Und so einer will Mönch werden!“

Später waren sie noch beim Fischer. Der schaute zunächst erfreut: „Wie schön dich zu sehen, Lakṣmī. Du und Thomas, ihr habt auch noch einen Gast, dann sollen es sicher heute drei von diesen wunderschönen Fischen sein und nicht nur zwei wie sonst!“

Nein, Fischer, ihr irrt, diesmal bitte nur einen Fisch!“ Der schüttelte den Kopf als er ihr den Fisch in ein Bananenblatt einwickelte und dachte sich: `Verstehe das wer will.´

Nilay aber hatte Lakṣmī strahlend angesehen: „Das machst du aber jetzt nicht nur wegen mir?“

Nein, wegen den Fischen!“ lachte sie ihn an, „ich weiß aber nicht, ob ich das dauerhaft machen werde.“

Ich habe eine Idee, komm doch nachher in die Kirche, da lehre ich dich eine Meditation, die mir mein Vater beibrachte.“

Am Abend kam Lakṣmī tatsächlich in den Versammlungsraum und Nilay führte sie in die Mettā Bhavana ein, in der man in der fünften Phase Liebe für alle fühlenden Wesen ausstrahlt, also auch für Fische. Hinterher war sie überglücklich: „Das war das Schönste, was ich jemals gemacht habe!“ Sie errötete, dann ergänzte sie: „Also jedenfalls mit dem Geist. - Kannst du mir noch eine Meditation beibringen?“

Sie meditierten noch, als es schon dunkel wurde. Inzwischen war Thomas heimgekehrt und hatte im Haus nach seiner Frau gesucht. `Sie wird doch nicht?´ dachte er und öffnete leise die Tür zum Versammlungsraum der Kirche. Dort saßen auf zwei Matten Lakṣmī und Nilay und meditierten miteinander. `Ist ja fast wie bei den Brahmanen´, dachte er und war sich jetzt ziemlich sicher, dass das, was dieser Nilay da machte, sicher nicht der Weg Jesu war. Wie er sich doch irrte!

Am nächsten Tag eröffnete Nilay dem Thomas, dass er bald weiterziehen werde: „Thomas, es ist wohl so, dass Ihr hier im Süden und wir im Norden von Bhārat Gaṇarājya etwas unterschiedliche Ansätze haben und es scheint mir auch, das weder Ihr noch wir vorhaben, das zu ändern. Ich denke, so kann ich es meinen Leuten berichten, was denkt Ihr davon?“

Ja, es ist wohl das Beste, wenn jeder nach seine eigenen Einschätzung vorgeht. Ich verkünde die Errichtung des Reiches Gottes nach der Wiederkehr des Messias und ihr baut weiter an eurem Projekt der Errichtung von Gemeinden nach dem Gesetz Gottes. Lassen wir es einfach dabei.“

Nilay gefiel es nicht, dass er von `Gemeinden nach dem Gesetz Gottes sprach´, aber er widersprach nicht, er lenkte vielmehr das Gespräch auf ein anderes Thema, auf etwas, was ihm noch am Herzen lag zu klären: „Sag mal Thomas, ich habe da in Taxila merkwürdige Dinge gehört. Es ging dabei um einen Auftrag von König Gondophares an dich.“

Da lachte Thomas: „Ja, das war eine merkwürdige Geschichte. Ich war in eine missliche Lage geraten, weil es mir nicht möglich war einem Kaufmann die Schiffspassage zu bezahlen und er hatte mich in so etwas wie eine Leibeigenschaft gezwungen. Ich habe versucht es ihm zu erklären, aber ich sprach damals noch kein Prakrit, musste mich also eines jüdischen Übersetzers bedienen. Ich versuchte zu erklären, dass mein Auftrag war, das Reich Gottes zu verkünden, wenn eines Tages, der Messias zurückkehrte. Da es für Messias jedoch in Prakrit kein Wort gibt, umschrieb es der Übersetzer mit Mahārājā. Zu meiner Überraschung fragte mich dann Gondophares – so jedenfalls das, was der Übersetzer mit mitteilte – ob ich bereit sei einen himmlischen Palast für den Mahārājā zu bauen. Ich antwortete, dass ich das könne, wenn dieser Palast dann denen dienen solle, die das Himmelsreich verdienten. Dabei bezog ich mich auf den Spruch aus der Bergpredigt...“

Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich. Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden. Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen. Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden. Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen!“5 ergänzte Nilay.

Genau, das meinte ich damit, habe es aber nicht so deutlich gesagt. Also wurde ich vom König beauftragt diesen Bau zu errichten. In meinen Augen sollte es also also ein Heim für die Armen, Sanftmütigen und nach Gerechtigkeit Dürstenden sein. Ein solches Heim für die Armen und Bedürftigen war bitter nötig. Als es fertig war kamen König Gondophares und sein Bruder Gad. Der König war außer sich vor Wut und ließ mich einsperren, während Gad mich nachdenklich anblickte. Zwei Tage später erschien Gad in meinem Gefängnis, verkündete, ich sei im Auftrag des Königs zu entlassen. Dann hat er eindringlich auf mich eingeredet, ich müsse rasch den Herrschaftsbereich des Königs verlassen, bevor er es sich wieder anders überlegte und besorgte mir eine Schiffspassage hierher. So kam ich nach Kerala.“

Du weißt gar nicht, was Gondophares dazu veranlasst hatte?“

Nein, du etwa?“

Nilay klärte den ahnungslosen Apostel auf: „Gad war beeindruckt von dem, was du gemacht hast. Am nächsten Tag ging er zu Gondophares und erzählte ihm, er habe geträumt, weil du das getan hättest, hätten die Götter für ihn, den König, einen Palast im Himmel errichtet, was dir bekannt gewesen sei, da du mit Engeln kommunizieren würdest. Da freute sich, Gondophares, dass er nach dem kurzen Erdenleben in seinem vergleichsweise bescheidenen Palast in Taxila nach seinem Tode einen herrlichen Palast im Himmel bewohnen würde.“

Jetzt musste Thomas laut lachen: „Das ist ja eine ganz köstliche Geschichte! Ja, und in der Tat, nach dem Tode werden unsere guten Taten vergolten, denn dann wird der himmlische Richter die Guten in den Himmel einziehen lassen, die Bösen aber werden zur Hölle fahren!“

Nilay atmete tief durch, als er das hörte. Er überlegte einen Moment, dann fragte er: „Ihr habt doch sicher schon etwas von der Karmalehre gehört, Thomas?“

Ja, sicher, die gibt es im Brahmanismus, dort wird auch geglaubt, dass die guten und schlechten Taten nach dem Tod eine Auswirkung haben, allerdings glauben die Anhänger dieser Religion, dass man dazu auf der Erde wiedergeboren wird, und das wieder und wieder...“

Ja, das ist die Auffassung von manchen Menschen hier. Es gibt aber auch eine andere Auffassung. Das Wort Karma bedeutet ja Handeln, genauer gesagt willentliches Handeln. Und jedes Handeln hat Folgen, diese bezeichnet man als Karma-Vipāka, als Folgen willentlichen Handelns. Und diese Folgen müssen nicht zwangsläufig erst in einem späteren Leben eintreten, die Früchte dieses Handelns können auch schon sehr bald reif sein. Karma-Vipāka kann schon bald eintreten.“

Da scheint ihr euch besser auszukennen als ich, Nilay!“

Der versuchte dem Thomas das durch ein Beispiel deutlich zu machen: „Als du deine Schiffspassage nicht bezahlen konntest, obwohl dein Vertragspartner diese Leistung, deine Überstellung nach Bhārat Gaṇarājya, vertragsgemäß erfüllt hatte, hattest du dir nach dieser Lehre schlechtes Karma gemacht. Als Folge bist du in Leibeigenschaft geraten. Da allerdings deine Reise nach Bhārat Gaṇarājya von der positiven Absicht getragen war, hier die Lehre Jesu zur verbreiten, hast du gemäß dem Karmagesetz eine zweite Chance bekommen, den Bau dieses Palastes oder Heimes. Bei diesem Bau hattest du die gute Absicht, ein Heim für die Armen und Bedürftigen zu schaffen, damit hast du dir gutes Karma gemacht. Dir war allerdings auch klar, dass es nicht genau das war, was Gondophares vorschwebte, da war also ein Element von Betrug mit drin, wofür du – und das ist wieder Karma-Vipāka – in Gefangen­schaft gerietest. Gad hatte deine positive Motivation gesehen, und hat daher dem König von seinem angeblichen Traum erzählt. Da du dir also mit der Schaffung des Armenhauses positives Karma geschaffen hattet, ist euch die Gnade deiner Errettung aus der Gefangenschaft und die Möglichkeit der Schiffspassage hierher ebenso zuteil geworden (Karma-Vipāka), wie der Brief von Gad an den hiesigen Herrscher, dich bei deiner Missionstätigkeit zu unterstützen.“

Thomas hatte interessiert zugehört, jetzt aber antwortete er: „Das hast du dir aber schön zurecht gelegt! Das klingt ja fast so, als ob du an dieses Karmagesetz glaubst! Es ist aber der himmlische Richter, der allein entscheidet!“

Nilay schüttelte traurig den Kopf: „Thomas, das klingt ja fast wieder nach diesem schrecklich diktatorischen Gott JHWH! Prüfe doch wenigstens, ob das Karmagesetz nicht vielleicht doch gilt. Merkst du denn nicht, dass jemand dem du mit Liebe begegnest, allmählich freundlicher dir gegenüber wird, dass aber jemand, den du fortwährend vor den Kopf stoßt, sich allmählich von dir abwenden wird und schlecht über dich reden wird. Thomas, ich sehe deine gute Motivation, die Lehre Jesu hier zu verbreiten. Aber ich sehe auch, wie du weiter an den Worten des Tenach hängst!“

Ach ja? Und wohin wird mich dann deiner Meinung nach dieses Karmagesetz führen?“

Deine gute Motivation wird Früchte tragen, es werden sich Leute – eine kleine Minderheit – hier zur Lehre Jesu bekehren. Bei anderen aber werdet ihr verhasst sein. Und ich fürchte, das wird für euch selbst böse ausgehen6. Daher bitte ich euch wenigstens, das Wirken des Karmagesetzes zu prüfen!“

Am nächsten Tag zog Nilay weiter. Er hatte erfahren, was er erfahren wollte, er hatte auch versucht, auf Thomas einzuwirken. Und was das Wichtigste war, er war sicher, dass das, was sein Vater heute machte, hilfreicher war, als das, was der Apostel Thomas als die Botschaft Jesu verbreitete.

Als er die Kirche verließ, kam Lakṣmī noch mit vor das Gebäude, Thomas aber war drinnen geblieben, er war insgeheim froh, dass dieser besserwisserische Nilay ging. Lakṣmī sah Nilay traurig an, dann sagte sie: „Schade, dass Thomas nicht auf dich hört. Du hast das Karmagesetz viel besser erklärt, als ich es von den Brahmanen jemals gehört habe. Ich werde versuchen, das Thema hin und wieder anzusprechen. Mich hast du auf jeden Fall überzeugt. Danke, Nilay.“ Als sie merkte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen, wendete sie sich schnell um und ging zurück in die Kirche.


Thomas baute neben Palayur noch Kirchen in Kodungallur, Paravur, Kokkamangalam und Chayal, die Orte heißen heute allerdings teilweise anders.


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Fußnoten

1 Dieses Kapitel spielt im südindischen Ort Palayur im Jahr 57 u.Z.

2 Ihr Name war Lakṣmi, das ist im Hinduismus die Göttin des Glücks.

3 Mt. 6,24

4 Mt. 24,40

5 Matt. 5, 3-7

6 Thomas wurde weniger als 20 Jahre nach diesem Gespräch (vermutlich am 21. Dezember 72 u. Z.) in einer seiner Kirchen ermordet, er wurde mit Lanzen durchbohrt und anschließend begraben in der St. Thomas Basilika in Chennai, Indien.



Erläuterungen

Abba Wenn Jesus Gott anbetete, verwendete er dieses aramäische Wort für „Vater“. Er nahm nicht die Anrede JHWH, die im Tenach verwendet wurde. Während JHWH den alttestamen­tarischen strengen Gott, der ursprünglich der Kriegsgott der Juden war, bezeichnet, interpretiert Jesus das Göttliche neu und sieht darin eine milde, verständnisvolle und unterstützende Vaterfigur.

Ashram – bezeichnet ursprünglich die Einsiedelei eines indischen Asketen, heute jedoch ein klosterähnliches Meditationszentrum einer hinduistisch beeinflussten Sekte an dem Anhänger einer spirituellen Lehre leben und sich unterweisen lassen. Den spirituellen Leiter und Führer eines Ashrams nennt man Guru.

Benares – (heute: Varanasi im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh, die bis auf das 11. Jh. v.u.Z. Zurückgeht). Es ist die Stadt, wo der Buddha erstmals den Dharma darlegte. Sie gilt als spirituelle Hauptstadt Indiens und zieht noch heute unzählige Hindu-Pilger an, die hier im heiligen Wasser des Ganges baden und Bestattungsrituale vornehmen. In den gewundenen Straßen der Stadt liegen rund 2.000 Tempel.

Bhārat Gaṇarājya(Sprache: Hindi) indische Bezeichnung für Indien

Bodhisattva – Figur im Mahāyāna-Buddhismus. Bodhisattvas sind Wesen, die Erleuchtung nicht nur für sich selbst anstreben, sondern zum Wohl aller Wesen. (Im Theravāda wird das Wort nur für den späteren Buddha vor seinem Erwachen verwendet.)

Brahmaneneine der Kasten im Hinduismus, nur Brahmanen dürfen religiöse Rituale vollziehen

Brahmanismusindische Religion, in der (u.a.) einen Brahman (Gott) verehrt wird. Der B. heute als Hinduismus bezeichnet.

Buddhawörtlich: Erwachte/r; eine Person, die das Ziel des Buddhismus erreicht hat und damit befreit ist von den Fesseln des Ichglaubens. Der historische Buddha lebte von 560 – 480 v. Chr. in Nordindien, sein bürgerlicher Name war Siddhartha Gotama von Śākya.

Dharmahier gewöhnlich die Bezeichnung für die Lehren des Buddha. Das Wort bedeutet Wahrheit, (Natur-)Gesetz, Wissenschaft, Lehre.

Erwachenandere spirituelle Traditionen sprechen von Erleuchtung, im Buddhismus verwenden wir besser den Ausdruck „Erwachen“ für das, was der Buddha erreicht hat. Während unter „Erleuchtung“ jeder etwas anderes verstehen kann, beschreibt „Erwachen“ das spezifisch Buddhistische, die Tatsache, dass die erwachte Person die drei Wesensmerkmale (Unvollkommenheit, Vergänglichkeit, Wesenslosigkeit) völlig verwirklicht hat. Es ist für die erwachte Person so, als sei alles, was vorher war, so absurd und unlogisch wie ein Traum, daher der Ausdruck „Erwachen“.

Erwachterdie deutsche Übersetzung von Buddha”

Ganesh – oder Ganesha ist eine der beliebtesten Formen des Göttlichen im Brahmanismus. Die elefantenköpfige Gottheit ist überaus populär und ihr Geburtstag (zwischen Mitte August und Mitte September) ist für viele Hindus der höchste Feiertag. In Mumbai ist seine Verehrung nur mit der Marienverehrung in einige Katholischen Ländern zu vergleichen, sein Geburtstag ist dort das höchste Fest, es gibt Gottesdienste und Prozessionen mit unzähligen Statuen von ihm, diese werden zum Abschluss im Meer versenkt.

Grüne Tārā – Bodhisattva, die für grenzenloses Mitgefühl zu allen Wesen steht. Sie wird immer sitzend dargestellt, im Begriff aufzustehen, um den leidenden Wesen aktiv zu helfen, ihre rechte Hand zeigt die Geste der Wunschgewährung. Sie hat grüne Haut, denn sie gehört zu einer Gruppe von grünen Wesen, genannt die Karmafamilie. Neben der Grünen Tārā gibt es noch 20 weitere Tārās, die Grüne Tārā ist aber die bekannteste davon.

Guru – spiritueller Lehrer und/oder Anführer

Hindu - Anhänger des Hinduismus (= Brahmanismus)

JainsAnhänger der Religion des Jainismus

jhāna – (Palibegriff, in Sanskrit: dhyana) ist ein meditativer Vertiefungs­zustand; nach der häufigsten Einteilung gibt es acht aufeinander aufbauende Vertiefungen. Ziel dieser Vertiefungen ist die Überwindung des Ego sowie der Gedanken und das Erreichen einer kosmischen Verbundenheit, die im Buddhismus als Nondualität zwischen Ich und Ander gesehen wird (anattā = Nicht-Ich). Jhāna ist eine hohe buddhistische Tugend und eine der sechs Tugenden, die ein Bodhisattva übt. Es gibt (nach der üblichen Zählung) vier feinkörperliche und vier unkörperliche jhānas, im ersten jhāna sind vitakka (aufnehmende meditative Konzentration), vicara (anhaltende meditative Konzentration), citt´ekagattā (ein­spitzige Ausrichtung des Geistes), pīti (Verzückung) und sukha (Glückseligkeit) vorhanden. In der zweiten Vertiefung fallen die ersten beiden Faktoren weg, in der dritten auch pīti. In der vierten entfällt sukha, stattdessen kommt Gleichmut (upekkhā) hinzu.

JHWH – ist der Eigenname des Gottes im Tanach. Da es in der hebräischen Schrift keine Vokale gibt enthält er keine Konsonanten. Ausgesprochen wird er Jahwe, oder auch Jehova.

Karmaim Buddhismus jede absichtlich ausgeführte Handlung. Es wird davon ausgegangen, dass Handlungen Folgen haben, die (auch) auf den Verursacher zurückwirken. Im Hinduismus hingegen wird meist davon ausgegangen, dass es karmisch heilsam sei, sich an die Regeln und Beschränkungen seiner Kaste zu halten und die Brahmanen (bezahlte) Opfer für einen bringen zu lassen.

karunā = Mitgefühl

Kastedie indische Gesellschaft wird gemäß der hinduistischen Religion in streng voneinander abgetrennte Kasten eingeteilt, die wichtigsten Kasten sind die Brahmanen (Sanskrit: ब्राह्मण, Priester), katriya (Sanskrit: क्षत्रिय, Adel, Krieger, Beamte) und die vaiśya (Sanskrit: वैश्य = Kaufleute, Händler, Großgrundbesitzer) und śūdras (Sanskrit शूद्र, = Arbeiterklasse incl. Handwerker), darunter stehen die Dalits (Kastenlose, Unberührbare). Auf diese Art schuf der Hinduismus eine Apartheidsgesellschaft mit einer arischen Mittel- und Oberschicht, und einer indigenen Bevölkerung, die man nicht einmal berühren durfte; so sollte eine Rassenvermischung verhindern werden.

Mahārājā = Großer Herrscher, entspricht in etwa einem König

Mettā(Pāḷi) eine sehr positive Emotion: Wohlwollen, Zuneigung, (nichterotische) Liebe, oft als „liebende Güte“ übersetzt. Mitunter wird sie auch als „Allgüte“ bezeichnet, denn Mettā soll allen Wesen in gleicher Weise entgegen gebracht werden. Es ist das, was beispielsweise Jesus meint, wenn er sagt, man solle nicht nur seinen Nächsten lieben wie sich selbst, sondern sogar seinen Feind.

Mettā BhāvanāMeditation zur Schaffung von Bedingungen damit Mettā entsteht, normalerweise in fünf Phasen geübt (1) mettā für sich selbst, (2) für einen guten, edlen Freund/Freundin, (3) für eine neutral besetzten Person, (4) für eine schwierige Person (Feind) und (5) für allen fühlenden Wesen. 

Mettā-Sangha – Bezeichnung für die von Yuz und Amita gestiftete Spirituelle Gemeinschaft

Mitgefühl – (karunā) ist das Gefühl, wenn Mettā auf ein leidendes Wesen trifft. Es ist etymologisch verwandt mit caritas (lat.: Barmherzigkeit) und mit to care (engl.: sich kümmern um).

Nirwana – (auf sanskrit: nirvāṇa bzw. auf Pāḷi: nibbāna) Ziel des Buddhismus, das Wort bedeutet „verwehen“ oder Nicht-Wahn

muditā – Mitfreude

Prakrit (Sanskrit: prākṛta) ist die Bezeichnung für diejenigen indoarischen Sprachen, die in der sprachgeschichtlichen Entwicklung auf das Altindische folgten. Sie wurden etwa in der Zeit vom 6. Jahrhundert v. Chr. bis zum 11. Jahrhundert n. Chr. gesprochen.

Sanghaspirituelle Gemeinschaft, meist für die Gemeinschaft der Schülerinnen und Schüler des Buddha. (Zur Sangha in engeren Sinn gehören nur Mönche und Nonnen, zur Sangha im engsten Sinn nur Erleuchtete.)

Sanskrit – eine altindische Schriftsprache, die um 1500 v.u.Z. entstand, um die Veden, die heiligen Texte des Hinduismus niederzuschreiben.

Tanach - oder Tenach (hebr. תנ״ך TNK) ist eine von mehreren Bezeichnungen für die Hebräische Bibel, die Sammlung der heiligen Schriften des Judentums er enthält unter anderem die Tora (Weisung). Das Christentum hat alle Bücher des Tanach - etwas anders geordnet – übernommen. Sie sind das Alte Testament.

Theravāda - eine der frühen Schulen des Buddhismus, die einzige Hinayana-Richtung, die noch existiert. Theravāda bedeutet „Schule der Älteren“, was darauf hinweisen soll, dass ihre Anhänger den Buddhismus so praktizieren, wie das der Buddha selbst gemacht hat. Bei ihnen stehen die Lehrereden des Pāḷi-Kanon, der ältesten buddh. Schriften im Mittelpunkt.

upekkhā Gleichmut (nicht Gleichgültigkeit!), eine von Mettā getragene Emotion, die ein Wesen als Produkt seiner Bedingungen, seiner Umwelt und seiner individuellen (genetischen, sozialisatorischen und karmischen) Dispositionen sieht


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